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BÜHNE FREI FÜR ZEITLOSE AVANTGARDE

Fabian, du hast auf die Frage „Wo ist Freiheit zu finden?“ mit „nirgends“ geantwortet. Wie meinst du das?

Fabian  Weil Freiheit vielleicht etwas ist, was man zu erreichen versucht. Aus etwas, oder gegen etwas, worin oder wogegen man jetzt ist. Und so würde ich Freiheit vielleicht mit einem Horizont vergleichen. Wenn du zum Horizont gehst, ist er, sobald du dort angekommen bist, wieder woanders. Und darum ist Freiheit nirgends und höchstens dort, wohin du dich in deiner Vorstellung hinsehnst. 

Marie-Luise  Freiheit ist für mich auch ein Suchen nach der Demarkationslinie, besser dem Rahmen, der die Freiheit gewährleistet, zugleich aber auch ihre Grenze ist. Wenn Jugendliche feiern, Drogen nehmen, sich nackt ausziehen und am Strand laufen, ist es immer ein Akt der Beweisführung der eigenen Freiheit. Man muss den Widerstand spüren, um die Freiheit spüren zu können. 

Man kämpft gegen die Unfreiheit, anstatt für die Freiheit?

Marie-Luise  Freier zu werden, tagtäglich, wäre doch ein schöner Impetus. Von der Gesellschaft, in der man lebt oder durch die man sozialisiert wurde. Von den innerlichen Knoten und Verbiegungen, die man sich als Schutz oder zum „Funktionieren“ zugelegt hat.  Ich kann nicht behaupten, ich bin frei. Ich werde freier.  

Fabian  Vielleicht kann man sich in einzelnen Momenten frei fühlen. Wir wohnen ja immerhin in einem Breitengrad, in einer Gesellschaft, wo viele Dinge als frei definiert werden. Viele von uns haben die Möglichkeit, sich scheinbar frei zu entscheiden, also eine Wahl zu haben. Zum Beispiel kann der Dumme durchaus durchs Dummsein recht glücklich sein, aber die Frage nach der Freiheit ist trotzdem nicht beantwortet. Von dem Moment an, wo man auf dieser Welt geboren wird, ist man immer in irgendeinem Verhältnis.

Glaubst du, dass Dummheit freier macht? 

Fabian  Wenn ich in all meinen Mustern stecke, aber diese nicht durchleuchte oder verstehe, dann kommt es mir zwar vor, dass ich täte, was ich will. Aber wenn ich nicht weiß, was meine Muster sind… wo ist da die mögliche Freiheit? Ich möchte zum Beispiel  wissend sein, um von meiner oder fremder Einengung freizukommen. Allerdings enge ich mich eventuell dann durch mein Wissen ein. (lacht)

Marie-Luise  Die Freiheit verhält sich zum Menschen, wie eine Tangente. Man kann auf die Berührung hoffen. Und dann ist sie auch schon wieder vorbei. Freiheit erlebe ich nicht als Zustand, sondern ein Ereignis. Zudem macht es ja auch das menschliche Individuum aus, dass es Regeln akzeptiert, um ein Teil der Gesellschaft oder einer Gruppierung zu sein. Dass es die Isolation, die Nicht-Definition aufgibt, um Sozialisation und Definition zu erlangen. Diese Unfreiheit des umzäunten Gartens nimmt man doch auch gerne auf sich –  alleine auf weitem Feld kann ganz schön öde werden.

Fühlt ihr euch in eurer Rolle als Schauspieler freier als in der Realität? 

Marie-Luise  Es ist eine Substitution. Alles, was ich mir tagtäglich nicht erlaube und gewähre, nehme ich mir auf der Bühne. Ich nehme mir die Freiheit, weil ich ihre Grenzen so genau kenne. Der Vorhang fällt ja sowieso. Schon ein bisschen feige.

Fabian In einer Rolle? Oder in der Rolle als Schauspieler? Denn letzteres ist meine Realität. Jedenfalls halte ich es so oder so für ein Klischee, dass Schauspieler wo auch immer, freier sein sollten. Warum sollten wir? Auch unsere Freiheit, auf der Bühne oder im Privatleben steht immer nur im Verhältnis zu dem was wir tun, dürfen, können. Deswegen meine ich, dass es die Freiheit nirgends gibt. Wenn wir jeden Abend routinemäßig schwierige oder peinliche Dinge vor Menschen machen, wissen wir eventuell irgendwann, dass einem deshalb vorläufig nicht gleich der Kopf abgehauen wird. Es kommt selten jemand auf die Bühne und schlägt uns. Das ist eine Sicherheit, die man mit der Zeit bekommt. Diese kleine Freiheit geniesse ich durchaus. 

Also seid ihr als Schauspieler freier?

Fabian Durchaus frei, freier fühl ich mich tatsächlich manchmal, wenn ich in ein Korsett gesteckt werde, als wenn ich komplett frei sein soll und alles darf. (Was ich jedesmal beengend finde)

Wenn also ein/e Regisseur/in, oder ein Konzept mir beinahe alles eigene nimmt, mich einengt, und ich mich dann von dort aus befreie, indem ich in den wenigen und begrenzten Möglichkeiten, beziehungsweise innerhalb dieser Spielregeln, winzige, kleine Nischen entdecke, und so einen grösstmöglichen Freiraum erobere. In diesem Moment genieße und empfinde ich Freiheit.

Marie-Luise  Je enger das Korsett ist, desto intensiver suchst du nach Atemmöglichkeiten, desto schärfer wirst du im Denken, desto gieriger wirst du im Erleben. Nischenflucht als Freiheits- Erlebnis.

Was gibt es positives an der Freiheit. Wo findest du Freiheit?

Marie-Luise  In Momenten, in denen ich merke, dass ich Verhaltensmuster abgelegt habe. Wenn ich Dinge auf einmal anders empfinde oder einordne. Wenn ich mich von mir selber ein Stück enthebelt habe. Wenn ich merke, ich schaffe selber Situationen und sich dadurch neue Räume in- und außerhalb von mir erschließen.

Fabian Wenn ich etwas sehe, was ich schön finde, in welchem Sinne auch immer, es mich berührt, auf mich wirkt, mich sogar bannt, fühl ich mich im positiven Sinne frei. Wenn ich mich auflösen kann aus meiner eigenen Existenz.

So habe ich mich wohl auch immer verliebt früher. Dieser erste Moment, wo man dermaßen in etwas anderem aufgehen kann, dass man gar nicht mehr mitkriegt, was man denkt. Als gäbe es mich nicht mehr. In dem Moment, wo ich den Mut habe, irgendetwas wirklich zu folgen, einer Qualität, die mich tief berührt. Sei es auch traurig oder schmerzvoll.

Vielleicht berührt mich dann einfach diese hilflose Suche nach Freiheit.

Wo war für dich dieser eine Moment Freiheit?

Marie-Luise  Ein befreiender Moment, in dem Sinne, dass ich selber Räume geöffnet habe, war die Schauspielschule zu besuchen. Da bin ich gerade noch abgebogen von einem Weg, den ich schon gegangen wäre, bei dem ich aber kein wirkliches Gefühl von Autorenschaft gehabt hätte. Eben: ich habe mir selber neue Möglichkeiten erschlossen. Einen anderen Gedanken von mir gewagt. Da fühlte ich mich frei.

Ist für euch Freiheit das gleiche wie Selbstbestimmung? 

Marie-Luise Selbstbestimmung klingt für mich, als wäre ich aktiv daran beteiligt. Freiheit, komischerweise immer – obwohl wir sie jetzt solange einzufangen versucht haben – als Zustand, wo ich gegen nichts mehr ankämpfen muss, sondern einfach bin und nicht mehr ausloten, ausweichen, austarieren muss. 

Fabian Ich würde es eher umgekehrt sagen. Freiheit würde ich sagen, ist die Fähigkeit selbst zu bestimmen. Das ist etwas Aktives. Das meine ich auch mit etwas schön zu finden, oder etwas zu kreieren. Dazu muss ich mir meine Freiheit nehmen. Meine Freiheit ist das möglichst Freieste, was ich in mir finden kann.

Die Überzeugung, weswegen ich dies oder jenes tue. Oder warum ich etwas für gut empfinde.

(Rosa Willenlos hängt kopfüber mit ihrem Pony in der Kotze. Ihr Shirt ist völlig versaut und durchgeschwitzt.)

MARIE  Kann man behilflich sein?

ROSA WILLENLOS  (stöhnt und rülpst.)

Kann’s nich glaubn, ds die Sau mr ds wklch ngetan,

ws n Wchsa, echt. (brabbelt Unverständliches)

MARIE  Entschuldigung. Da weiß ich jetzt gar nicht, was ich sagen soll.

ROSA WILLENLOS  W-a-r-u-m? Wa-rum n-nur. Wa-a-a-a-rum?

MARIE  Oh ja, warum. Warum nur? Das frage ich mich auch oft und ausführlich. Ein Gartenzwerg hat mal zu mir gesagt, immer wenn er mich ansehe, stöhnt genau das in ihm. Das fand ich sehr charmant und belebend. Darüber habe ich mich gefreut, dass ich etwas völlig grundlos Vorhandenes und zu Frage stellendes in seinem Leben bin. So wie eine Mini-Kakteensammlung. Oder die hunderteinunzwanzigste letzte Zigarette. Rauchst du eigentlich?

ROSA WILLENLOS  (windet sich seehundartig und klatscht auf ihren stämmigen Rücken. Dann fingert sie in ihrer Markentasche herum. Schliesslich nickt sie und stammelt benommen)

Die letzte.

(Sie reicht Marie die Zigarette.)

MARIE  Dankeschön.

ROSA WILLENLOS  Bittesch.... (übergibt sich wieder)

MARIE  Ich rauche ja eigentlich gar nicht. Aber mein Gartenzwerg hat mal zu mir gesagt, ich sehe viel interessanter dabei aus. 

Und das will man ja. Dass jemand Interesse an einem hat. 

Also nicht nur, dass er einen gar nicht braucht und dennoch in sein Leben integriert, was ein Wohltätigkeitsakt sondergleichen ist. Ich beispielsweise interessiere mich eigentlich für nichts anderes, als für das Interesse von jemand anderem. 

Da bin ich wirklich gut darin. Ich habe mich auch schon wirklich für viele Interessen interessiert. Lebenszyklen von Taschentuchbäumen, Dart-Weltmeisterschaften der Frauen, weiblicher Suizid in der Literatur des 20. Jahrhunderts, Vita von Urwalen und deren Muttertierbeziehungen etc.

(Marie zündet die Zigarette an. Es klappt nicht. Sie versucht es nochmal).

Ich habe dann immer das Gefühl: jetzt lebe ich Beziehung.

Weil ich mich ja permanent auf jemanden be-ziehe und von jemanden Dinge abziehe. Mein Gartenzwerg hat mal zu mir gesagt, ich liebe wie ein Automat. Ich gebe immer aus, wenn man einwirft. Also, ich weiß ja nicht wie es dir damit geht, aber ich finds gut so.

(Sie schüttelt das Feuerzeug. Es klappt nicht. Sie pfeffert das Feuerzeug gegen die Wand.)

ROSA WILLENLOS  (stößt auf) Ihhhhh…ich...

MARIE  Genau. Nur wer Hoffnung hat, sitzt am Hebel. Ich bin zu exzentrisch fürs Hoffen. Ich fühle mich in der Kontrolle wohl. Wie beruhigend zu wissen, warum man gemocht wird und wie lange tendenziell noch. Das macht das alles fair und annehmbar. Am Ende ist man immer selber schuld und ist in dieser Schuld von nichts abhängig. Das ist ein total befreiender Moment.

Mein Gartenzwerg meinte mal zu mir, ich sei wie eine Wurst. Eben ohne Kern. Weißt du, ich wollte ihm so ausgezeichnet gefallen und bin dabei irgendwie verloren gegangen. 

(Marie murmelt vor sich hin, ist ergriffen)

ROSA WILLENLOS  (ist unangenehm berührt.) 

MARIE  Ich habe mich ausgehungert und hänge mir jetzt selber zwischen den Schneidezähnen rum. 

ROSA WILLENLOS  S is doch alles un-wwwww...

MARIE  Ja. Genau! Genau! Wie ein Fetzchen Wurst.

(Heult eruptiv) Ich glaube, wenn ich eine Wurst wäre, würde ich gerne ein Käsekrainer sein. Meine leere Fülle ist die Hülle, die Wurstfülle das Leben und der Käse mein Leid. Leben ist Wurst, Schmerz ist Käse. Wenn man mich aufschneidet, kommen fette Gefühle heraus. Ich bin eine Eitrige und ich habe fette Gefühle. Ich bin eine, die über sich denkt und aus sich denkt und nie über sich hinauskommt. Ich will gar nicht über mich mit mir denken. Ich will so werden, wie ich gedacht schon bin. Ich denke, ich habe mich beim Denken verletzt. Wenns mir scheiße geht, dann werde ich so richtig gut.

Ich bin eine Bulimikerin am Gefühlsbüffet. Nur ich habe Angst vor Gefühlsverlust.
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