KATEGORIE: Mode

SEID UNBEQUEM!

Nicht alle Jugendlichen der 50er waren Rebellen. Manche waren auch nur Trittbrettfahrer, genossen die von anderen erkämpften Freiheiten, hatten Spaß ohne politische Aufmüpfigkeit. Die Mode- und Unterhaltungsbranche entdeckte diese angepassten jungen Menschen als gefundenes Fressen. Und während die einen den Freuden des Shoppings frönten, experimentierten die anderen mit unerhörten neuen Klängen. Der revolutionäre Free Jazz sollte das bequem gewordene Jazzpublikum herausfordern und als Protest der jungen Generation gegen Rassendiskriminierung, soziale Ungerechtigkeit und überholte Konventionen verstanden werden. Die ersten gravierenden Wirtschaftskrisen nach dem Zweiten Weltkrieg, die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, die sozial stark auseinanderklaffenden Zugänge zu Bildung und Wohlstand ebneten den Weg für ein „globales gegen den Kapitalismus gerichtetes Ereignis“ – die 68er Bewegung. Interessant daran: Die 1960er brachten auch einen nie zuvor gekannten Massenwohlstand mit sich, damit eine höhere Bildungsrate und folglich den sozialen Aufstieg breiter Bevölkerungsschichten. Und da zeigt es sich wieder: Die einen rebellieren, um den eigenen Wohlstand einzufordern. Die anderen, um den Wohlstand aller einzuklagen. Das verwundert eigentlich nicht, denn sind die eigenen Grundbedürfnisse erfüllt, hat man den Kopf frei, um über den Tellerrand zu sehen und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu erkennen. Fragt sich nur: Hätten die 68er weniger vehement oder eher stärker rebelliert, hätten sie geahnt, dass sie ein paar Generationen später selbst „das System“ darstellten, dem es sich zu widersetzen galt? Und wo sind die Rebellen heute, am durchwegs wohlhabenden Ende der 2010er Jahre?

Auch wenn „der Rebell“ als Einzelkämpfer wahrgenommen wird, so darf man nicht vergessen, dass sich bisherige politische Jugendgenerationen als Kollektiv verstanden, das gemeinsam die Welt aus den Angeln heben und neu gestalten konnte. Heute hat sich das Denken verändert. Jugendliche nehmen sich selbst nicht mehr als Teil einer großen Gemeinschaft wahr, sondern als Individualisten, die – wenn überhaupt – für sich selbst rebellieren. Ob es daran liegt, dass der Aufstand in einer taburesistenten Gesellschaft schwerer zu bewerkstelligen ist? Erschreckend ist, das als Betätigungsfeld der Rebellion oft nur das Reaktionäre bleibt – Gewalt gegen Wehrlose und das Wählen rechter Parteien. Beobachtet man gesellschaftliche Entwicklungen, so weiß man, dass auf jeden Trend ein Gegentrend folgt. Vielleicht ist die heutige unpolitische Generation das notwendige Pendant zu den vorherigen? Vielleicht setzt man heute einfach mehr auf Sicherheit und hält sich an Sir Karl Poppers Zitat:

„In entwickelten Demokratien sind radikale Revolutionen gefährlich, da viel Gutes zerstört wird.“ Oder aber die vorherrschende Geisteshaltung muss erst ein wenig verhärten und einkrusten, bevor ein Störenfried – oder ein Störenfriedkollektiv – den faulen, falschen Frieden aufbrechen und verändern kann." Möglicherweise ist es aber auch schon jetzt an der Zeit, den Anfängen zu wehren und uns in Bewegung zu setzen. Denn um ein Aufständischer zu sein, darf man nicht sitzenbleiben.

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