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DARF MAN BITTE EIN NARZISST SEIN!

Gibt es einen gesunden Narzissmus? Wenn ja, wie schaut dieser aus? Wie wirkt er auf den Einzelnen und sein Umfeld? Führt gesunder Narzissmus zu einem gesunden Individualismus? Und warum wird der Narzisst in der heutigen Gesellschaft ausschließlich mit Egozentrik gleichgesetzt?

Sich entgegen der Norm zu bewegen, bedeutet Mut und Risiko und bedarf einem überzeugtem Selbstgefühl. Kann das Tragen von Mode fern des Üblichen und Vertrauten dieses stärken oder ist ein selbstsicheres Bewusstsein gar Voraussetzung für die authentische Illustration anormaler Kleidungsstile? Gibt es eine „Verwirklichung“ des eigenen Selbst durch Kleidung, ohne an der Norm zu ersticken? Werden vordefinierte Grenzen von selbstüberzeugten Charakteren überhaupt noch wahrgenommen oder wird die kollektive Identität einfach nur ignoriert? Kann man einen gesunden Narzissmus als positive Eigenheit und überzeugten Individual-Charakter pflegen, ohne in die Egozentrik zu kippen? Wir sagen ja. Viele unserer Kundinnen und Kunden begegnen mit uns diesen Erfahrungen und dem spannenden Spiel mit dem eigenen Ich - wenn sie nur auf Ihren Eigensinn hören, bestehende Normen brechen und ihrem ganz persönlichen Narziss die Chance geben zu leben.

Welchen Preis muss man jedoch dafür bezahlen, wenn man seinen gesunden Narzissmus auslebt und die Mehrheitsmeinung ignoriert, um das zu leben, was man ganz natürlich in sich trägt? Bewertungen, Klassifizierungen, Vorurteile und verächtliche Blicke können sich schmerzend und lähmend anfühlen - jedoch nicht, wenn man sie in neidische Blicke umkehrt und seinen überzeugten Selbstwert dadurch bekräftigt. Es darf, nein, es muss einem gleich sein, was das Gegenüber denkt. Denn es geht um die eigene Freiheit und wahre Individualität. 

Um all diesen Fragen auf den Grund zu gehen, haben wir einen besonderen Gastautor, den österreichischen Philosophen Dr. Leo Hemetsberger, eingeladen, seine Expertise, Sichtweisen und divergenten Gedanken hinsichtlich Selbst-Bild, Egozentrik und Individualität in einer kollektiven Gesellschaft, mit uns zu teilen.

Freuen Sie sich auf ein spannendes Philosophieren, neue Gedankenwindungen und eine kleine Revolution des freiheitsliebenden „Narziss“.

Schämt euch nicht, ihr Schuldlosen. Der Narzissmus gehört zu uns Menschen wie die selbstlose Liebe. In der Liebe muss man zuerst jene zu sich selbst finden, damit sich daraus die zu den anderen entfalten kann. Im Alltag wird Narzissmus oft nur negativ konnotiert, als bloße Geltungssucht verschrien, und als schadhaft für den einzelnen und die Gemeinschaft gebrandmarkt. Das schwingt schon im antiken Mythos mit, wo Narziss im Betrachten des eigenen Spiegelbildes zugrunde ging. Doch sind Narzissmus und Egoismus nicht dasselbe. Im Narzissmus zeigt sich ein für den heutigen Menschen wesentliches Moment, das der Bedeutung der Ausschließlichkeit und Originalität der persönlichen Individualität. Ich als einzelner gelte auch etwas. Ich habe Bedeutung. Mich gibt es nur einmal. Der französische Philosoph Rousseau sagte, dass die Form, die ihn schuf, mit ihm zerbrochen sei. 

Ohne Individualität und gesunden Eigensinn, der daraus wachsen kann, gäbe es keine Innovationen, keinen Fortschritt und keine Entwicklung, weder in den Wissenschaften, noch in der Technik und schon gar nicht in der Kunst. Wer nicht, nach Prüfung der Gegebenheiten und möglichst vieler damit verbundener Perspektiven zum Schluss kommt, somit einen Entschluss fast und sich entscheidet, um dann hartnäckig auf der gewonnenen Erkenntnis zu beharren, wird schwer Dauerndes erreichen. 

Wenn Narzissmus nur mit empathieunfähiger Selbstbespiegelung unter Verkennung aller anderer, die in der gegebenen Situation mit eingebunden und betroffen sind, gleichgesetzt wird, dann ist er negativ zu bewerten. Heute sehen wir aber die Tendenz, dass fast alle psychologisch beschreibbaren Phänomene des Menschen, die komplementär vorhanden sind, sehr schnell als Extremform in ein Krankheitsbild nach ICD-10  verwandelt werden. Gibt es nicht auch einen gesunden Narzissmus?

Was, wenn es den Narzissmus gar nicht gäbe? Welche wichtigen Aspekte der Subjektivität und deren Entfaltungsmöglichkeiten gingen uns dadurch verloren? Wie oft schwingen im Stolz nach vollbrachter Leistung narzisstische Affekte mit? Das darf auch sein. Wer sich auf schwierige Wege begibt, etwa als Künstler oder Künstlerin fast schon exemplarisch existiert, sofern es in der individuellen Form ja auch niemand vergleichbaren gibt, braucht neben Mut und Risikobereitschaft auch eine kleine Portion Narzissmus. Man muss viele Widrigkeiten ertragen und das eigene gewählte Ziel immer im Fokus behalten können. Oft ist das narzisstische Selbstgefühl auch die einzige Belohnung, die man sich selbst geben kann.

Narzissmus ist auch nicht dasselbe wie Egozentrik. Wenn ich mich in etwas, das ich geschaffen habe, oder das mich ausmacht, wohl fühle, drehe ich mich nicht ausschließlich um mich selbst. Können Narzissten, denen etwa ihr äußeres Erscheinen sehr wichtig ist, nicht auch in anderen Bereichen selbstlos sein? Sie wollen vielleicht gemeinsam mit anderen ästhetische Initiativen in die Wirklichkeit umsetzen. Sie verändern so auch Lebensweisen, man denke an das Dandytum und dessen Ethos, heute die Bobos und Hipster und viele andere Ausformungen der Jugendkultur. Hier ist der Narzissmus ein Moment der Persönlichkeitsentwicklung, weil die kollektive Effektivität oft zu mehr Lebensfreude und Selbstsicherheit bei denen beträgt, die sich über diese neuen Zugangs- oder Ausdrucksweisen miteinander identifizieren. Menschen können so neue Wege für sich sehen oder ein verändertes Selbstgefühl erhalten, wenn sie sich in narzisstischer Weise über jene Kreationen wiedererkennen und sich in ihrem Sosein als besonders angenommen fühlen.

Wieso reagieren Kollektive oft mit Scheu und Verwunderung schon auf verschiedene Formen des natürlichen Narzissmus? Sie werden dadurch auf ihre eigenen Defizite hingewiesen. Diese sind im geschlossenen gemeinsamen Verbund und der damit gegebenen Negation alles anderen so nicht spürbar. Der bunte Vogel inmitten der grauen Käfiggenossen ist eine Provokation. Doch gibt es Veränderungen nur, wenn unreflektiert angenommene Grenzen im Tun überschritten werden. Ängstliche assoziieren mit Narzissmus Chaos, Anarchie, Rücksichts- und Regellosigkeit. Ungewohntes irritiert und führt vordergründig zu einer Versicherung des Gewohnten. Gesellschaftliche Konventionen definieren sich über Regeln und Codes, das ist bekannt. Deren Verletzungen führen zu Exklusion und in schlimmen Fällen sogar zu Verfolgungen. Gemeinschaften geben vor, ihre Mitglieder "nur" vor dem unbekannten Anderen da draußen, und auch vor ihrem affektaffinen Anderen in ihnen selbst zu schützen. Oft geht es eigentlich nur um den Selbstschutz des Kollektivs und seiner darin mächtigen Hierarchien, auf Kosten möglicher Freiräume und der Heterogenität der Individuen in ihren Ausdrucksformen.

Außenseiter sind notwendig, ob als Hofnarren, Narzissten oder Verweigerer. Sie bilden das Korrektiv, sind der Spiegel für die mutlos im Gleichschritt Torkelnden. Die Besonderen widerstehen dem Strom, zumindest eine Zeit lang und oft genug um den Preis persönlichen Scheiterns.

Was aber wäre, wenn jeder Mensch, der seinen gesunden Narzissmus leben will, dabei von Anfang an unterstützt wird? Was, wenn Familien und später besonders die  Sozialisationsanstalten nicht gleichgeschaltete Arbeitstiere für industrialisierte Produktionsprozesse ausspucken, sondern vielmehr wunderbar bunte, wandelfähige und durch ihre Empathie gereifte, als kooperativ agierende Wesen in ihrer Selbstbildung unterstützt werden? Max Stirner brachte es wider alle Mängelwesentheorien auf den Punkt: "Wir sind allzumal vollkommen! Denn wir sind jeden Augenblick Alles, was wir sein können, und brauchen niemals mehr zu sein." Narzissmus zeigt sich oft im äußeren, denn: So wie man sich kleidet, so fühlt man sich.

Bei aller Variation, ob Haute Couture oder Prêt-à-porter, wie sehr sich doch oft die Entwürfe gleichen, wenn Farbpaletten und deren erlaubte Nuancen saisonweise von Trendscouts bestimmt werden. Wie erschöpfend wirkt - heute blau, morgen pink, übermorgen türkis - wenn die Menschen, gekonnt farbpsychologisch abgeschmeckt und medial inszeniert vorgekaut bekommen, natürlich billigst für den Massenmarkt produziert, wie sie sich ins Prokrustesbett modischer Uniformität zu zwängen haben.

Hoffen wir auf viele tapfere Schneiderlein statt nackter Kaiser! Wir brauchen noch mehr Menschen, die sich trauen, ihren Narzissmus zu zeigen, denen wir mit Staunen auf der Straße nachblicken können, weil wir aus dem ästhetischen Allerlei gerissen werden. Wie schön es doch ist, wenn eine Augenweide an uns vorübergeht und wir uns freuen können, weil jemand anders ist, indem er oder sie sich anders kleidet. Es hat einmal jemand gesagt - je schmutziger das Geschäft, desto teurer die Anzüge. Sollte es nicht besser heißen, je überraschender die Kleidung, desto wunderbar ist wohl, wer sich so individuell auszudrücken vermag?

Oft können nur jene die Wirklichkeit anders sehen, die schon im scheinbar faden Alltag andere Wege gehen. Das ist vielleicht auch ein Schritt, um die Welt ein wenig mit zu verändern. "Ist die Vorstellung erst revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand" sagte Hegel. Es lebe der wunderbar gesunde Narzissmus, damit in der Welt nicht nur alles der Fall, sondern ein gewagter Faltenwurf mehr, nämlich fast alles ist, weil er das Schweigen bricht.

Autor: Dr. Leo Hemetsberger

Fotograf: Robert Niederl

Hair & Make Up: Sophie Chudzikowski

Models:

Jana Wieland (Wiener Models)

Oliver Ertl (Body & Soul)

Location: f-6

Mode: eigensinnig

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